Kommentar zu Internationale Tagung zur Arbeit von Schreib(lese)zentren von Gerd Bräuer
10. Juli 2008
Inzwischen hat diese Tagung stattgefunden und hier ist ein Bericht dazu:
Wenn Studienanfänger plötzlich nicht mehr schreiben können – Literalität des Übergangs
Die Schwierigkeiten, welche nicht nur Schreibende beim Eintauchen in eine neue Lern- und Lebenswelt erleben, sind allgemein bekannt: Die Betroffenen werden mit neuen Anforderungen auf für sie ungewohnte Weise konfrontiert. Oft kommt es ihnen vor, als spräche man zu ihnen in einer fremden Sprache. Das bisher Gelernte scheint für sie in weite Ferne gerückt oder unbrauchbar für die anstehenden Aufgaben.
In den letzten Jahren verdichten sich, m.E. als Begleiterscheinung des Bologna-Prozesses, die Erfahrungen an europäischen Hochschulen und Universitäten, dass extra-curriculare Einrichtungen wie Sprach-. Kompetenz- oder Schreibzentren eine wesentliche Rolle im Prozess dieser Neuorientierung bei Studierenden spielen können. Sie können helfen, die neuen Herausforderungen besser zu verstehen, bisher erworbenes Können und Wissen bewusst zu machen und dieses auf die neuen Aufgaben anzuwenden und zu neuen Einsichten und Erkenntnissen zu gelangen. Dieses pädagogische Potenzial von sog. extra-curricularen Einrichtungen trifft im Besonderen die Bedürfnisse von Studierenden im Rahmen modularisierter Ausbildung, wo kaum noch Zeit bleibt für das für den Übergang von Schule zum Studium so typische Suchen, Ausprobieren und Experimentieren junger Menschen.
Für das individuelle Erkunden des Schreibens als zentrales Lernmedium im Studium und als entscheidendes Mittel der Lernstandsüberprüfung sind die Umstände in der von den Bologna-Beschlüssen geprägten Lehre besonders ungünstig. Während es im Zeichen von WEB 2.0 in vielen kommunikationsintensiven Berufsfeldern – dazu gehören z.B. sämtliche Lehrberufe in der Bildungsbranche – zu einer wachsenden Zahl von komplexen Schreibaufgaben und hoch spezialisierten Textsorten kommt (z.B. Web-Auftritt einer Lehrperson, Moderation eines Lerner-Forums, E-Portfolio, etc.), nimmt die Vielfalt der curricular verankerten Schreibanlässe im Studium drastisch ab. Da, wo bis vor Kurzem noch Referate und Hausarbeiten vorgesehen waren, werden zunehmend Klausuren geschrieben oder Portfolios, die leider oft beschränkt bleiben auf die Dokumentation rezeptiv geprägter Semesterarbeit. Die von der Hochschullehre offensichtlich nach wie vor favorisierte einseitige Wissensvermittlung durch die Lehrperson wird nur unzureichend schreibend angeeignet. Einzige Erfolg versprechende Strategie scheint sorgfältig portioniertes Wissen für Klausuren und mündliche Prüfungen, das de Betroffenen allerdings schnell wieder verloren geht, da es an sinnvoller Verankerung im Denken und Handeln der Studierenden fehlt.
Im Jahre 2000 wurde die European Writing Centers Association (EWCA) gegründet, mit dem anspruchsvollen Ziel, die Konstruktion individuell bedeutsamer Lernprozesse bei Studierenden hochschulweit ermöglichen zu helfen. Für die Realisierung dieses Ziels, das zeigte die 3. Tagung der Organisation vom 19.-22.6.08 an der Pädagogischen Hochschule Freiburg (Deutschland) in über 70 Workshops, Vorträgen und Poster-Präsentationen, genügt es nicht, Studierende allein bei der Endfassung von Texten zu unterstützen. Soll Lernen durch Schreiben zielgerichtet forciert werden, so eine weitere zentrale Erkenntnis der Tagung, müssen bereits die Lehrenden beim Konzipieren von authentischen, seminar- und fächerübergreifenden Schreibaufgaben begleitet werden. Für Studierende braucht es außerdem individuelle Beratung, Workshops, autonome Schreibgruppen, wo sog. Hilfstextsorten – Mitschrift, Zusammenfassung, Exzerpt, Kommentar, Essay, journalistische oder literarische Texte –auf die Bewältigung komplexer Schreibaufgaben wie der Studienabschlussarbeit vorbereiten. Dafür wurden auf der Tagung Projekte und Ergebnisse qualitativer und quantitativer Forschung, didaktische Konzepte und Methoden aus 22 Ländern vorgestellt und vor allem in den rund 30 Workshops von den insgesamt über 160 Teilnehmenden praktisch ausprobiert.
Die drei thematisch ausgerichteten Tage zum Schreiben in Schule, Studium und Beruf demonstrierten Einigkeit in der folgenden These: Lernende brauchen die Begleitung des Schreibzentrums nicht erst in der Endphase ihrer Ausbildung. Der Bedarf für Schreibberatung ist in den vorangehenden Phasen – aber vor allem zum Beginn eines jeden neuen Ausbildungsabschnitts – von grundlegender Wichtigkeit. Die Entwicklung einer besonderen Schreibfähigkeit wie die der akademischen Textproduktion z.B., gelingt den wenigsten auf Anhieb im Rahmen einer komplexen Abschlussarbeit. Gebraucht werden vielfältige Schreiberfahrungen durch Aufgaben, die im Anspruch überschaubar und realistisch und im Inhalt klar fokussiert sind und durch die die verschiedenen Phasen der Wissens(de/re)konstruktion erlebt und aktiv gestaltet werden können. In vielen Veranstaltungen der EWCA-Tagung wurde herausgestrichen, dass diese kleinen, aber kontinuierlich abverlangten Schreibaufgaben, wenn sie inhaltlich und schreibdidaktisch aufeinander aufbauen, für die Schreibenden einen echten, weil erlebbaren Gebrauchswert ergeben und damit die Motivation für aktives Eintauchen in die neue Lernumgebung stärken helfen. Im Idealfall entwickeln sich z.B. aus den Schreibaufgaben des Studiums die zentralen Ideen für die Studienabschlussarbeit.
Was und auf welchem Weg Schreibzentren als extra-curriculare Einrichtungen zu den oben angedeuteten Prozessen bei Studierenden, Lehrenden und der Hochschule im Schnittpunkt von Schule und Beruf beitragen können, das stand ebenfalls im Mittelpunkt der Arbeit der EWCA-Tagung an der PH Freiburg. Aus dem Blickwinkel von Theorie und Praxis institutioneller Entwicklung wurde Fragen wie den folgenden nachgegangen: Wie definiert und ermittelt die Institution die Kompetenzen, die für das erfolgreiche Eintauchen in eine neue Diskursgemeinschaft nötig sind? Wie vermittelt sie die Sprache der neuen Arbeitsumgebung an die Lernenden? Wie kann der Transfer der bisher erworbenen Kompetenzen fächerverbindend angeregt werden? Welche Schreibarten und Textsorten begleiten das Lernen fachspezifisch bzw. fächerübergreifend?
Vor allem in den 6 Rundtisch-Gesprächen, zwei davon via Internet mit ReferentInnen aus den USA, wurden Konzepte zum Aufbau von Schreibzentren und studienbegleitenden Schreibcurricula als Teil von Hochschulentwicklung diskutiert. In diesen und anderen Veranstaltungen ging es dabei immer wieder um zwei zentrale Fragen: Wie kann die Rolle des Schreibens und der Schreibenden in der Wissensaneignung in Unterricht, Studium und Beruf optimiert werden und dies nicht nur in einem speziell ausgewiesenen Fach (z.B. im Deutschunterricht), sondern in allen Fächern? Wie könnten, von Studierenden und Lehrenden, Schreibaufgaben, -prozesse und –produkte über das einzelne Seminar oder das eigene Fach hinaus, von einer Ausbildungsphase zur nächsten weitergeführt werden – verstanden als Brückenschlag in die nächste Lebensphase und zur nächsten Diskursgemeinschaft?
In der abschließenden Veranstaltung der Tagung wurden u.a. zwei Beschlüsse formuliert, von denen Lehrende und Studierende an Hochschulen mit Schreibberatung bzw. Interesse, eine solche aufzubauen, Gebrauch machen sollten. Es wurde festgelegt, das Tagungs-Wiki weiterzuführen, das ursprünglich dazu diente, die wichtigsten Begriffe sozialkonstruktivistischer Schreibdidaktik über Sprachen- und Kulturgrenzen hinweg für die Tagung zu definieren. Nähere Informationen dazu finden sich auf www.ph-freiburg.de/ewca2008 („Program“). Außerdem wurde beschlossen, den internationalen Austausch von Studierenden als Schreibberater/innen an Schreibzentren in Europa und anderen Regionen der Welt in den nächsten zwei Jahren gezielt aufzubauen. Interessenten sind herzlich eingeladen, sich an braeuer@ph-freiburg.de zu wenden.
Gerd Bräuer

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